Von Anett
Törn: Kiel – Aarhus Länge: 159 sm Zeit: 05.07.-10.07.2008 Schiff: Orion
Skipper: Frank Crew: Judith, Thorsten, Andreas (mein Mann) und ich, Anett
Freitag, 4.7.2008
Im Lauf des Nachmittags ruft uns Frank an und teilt uns mit, dass er mit der Orion im Hafen des Kieler Yachtclubs liegt und uns dort morgen gegen Mittag erwartet. Wir wissen damit jetzt, wo unser Törn beginnt. Die Route kennen wir noch nicht, aber das stört uns nicht, weil wir uns freuen, dass es mit dem Törn überhaupt geklappt hat.
Samstag, 5.7.2008
Um 8.20 Uhr holen uns Thorsten und Judith, die auf direktem Weg aus Erlangen kommen, mit dem Mietwagen, einem Skoda Roomster, ab. Der Kofferraum ist bis unters Dach voll mit Taschen und Proviant, und auch die Rückbank macht nicht den Eindruck, als würden dort noch 2 Erwachsene für die 360 km von Berlin nach Kiel Platz finden. Nachdem die verständlicherweise übermüdeten Judith und Thorsten irgendwie doch auf der Rückbank Platz nehmen, wir noch kurz tanken und Richtung Kiel aufbrechen, beginnt trotz Müdigkeit und Konzentration aufs Fahren ein reger Erfahrungsaustausch zwischen den Seglern. Judith und Thorsten sind bereits mit dem SKS dekoriert, meinem Mann steht die Praxisprüfung noch bevor. Für ihn gilt es, in den kommenden Tagen die erforderlichen Seemeilen zu versegeln und so viel wie möglich zu lernen. Klingt anstrengend, aber er freut sich sehr darauf. Ich bin relativ still und gespannt, was mich die nächsten Tage erwartet. Ich versuche meine Gedanken an eine mögliche Seekrankheit zu verdrängen.
Nachdem wir zügig durchkommen, erwartet uns Frank schon am Kieler Yachthafen. Gemeinsam mit ihm geben Judith und Thorsten den Mietwagen ab, entsorgen das Leergut und erledigen die letzten Einkäufe. Andreas und ich lösen schon mal das Rätsel der Bettbezüge und genießen dann die Kieler Sonne an Deck der Orion. Nach einer kurzen Einweisung zum Schiff, der Benutzung der Rettungswesten und einer Wiederholung des Webeleinsteks legen wir gegen 15.00 Uhr ab. Wir setzen Segel und nehmen Kurs auf Strande. Vorbei an vielen Seglern – unter anderem begegnen uns die „Gorch Fock“ (leider unter Motor) und zwei America´s Cupper – geht´s die Kieler Förde entlang, vorbei an der Holtenauer Schleuse, der Einfahrt in den Nord-Ostsee-Kanal, und Laboe, dem Marinedenkmal.
Nach 2 Stunden machen wir in Strande fest. Die wichtigsten Handgriffe habe ich mir bei Judith abgeschaut. Ich bin froh, beim Anlegemanöver keinen Fender verloren zu haben und genieße den Anleger. Es war doch tatsächlich noch dänisches Dosenbier an Bord – das musste ich probieren. Während Judith und Thorsten Nudeln mit Gorgonzola-Sauce zubereiten, steht für Andreas und mich Landgang auf dem Programm, aber der Reiz des kleinen Örtchens liegt eindeutig in der Küstenlage. Im Hintergrund sind die Bausünden von Schilksee zu sehen – Plattenbauten, die man überall, aber nicht an dieser schönen Küste vermutet (wer dafür wohl die Baugenehmigung erteilt hat?).
Frank repariert ein Problem am Ruder und ist erleichtert, als nach einigen Stunden alles wieder wie gewohnt funktioniert. K. o., aber zufrieden falle ich in meine Koje und freue mich auf morgen.
Sonntag, 6.7.2008
Alle scheinen guter Laune zu sein und frühstücken ausgiebig mit frischen Brötchen. Als Ziel für heute schwankt Frank zwischen Flensburg und Kappeln in der Schlei – mal sehen, wie sich der Wind entwickelt. Als die Segel gesetzt sind, grüße ich Rasmus mit einem Schluck Portwein und wünsche uns „mäßig Wind und reichlich Sonnenschein“ – ein lustiger Brauch.
Umgeben von schöner Landschaft und frischer Seeluft segeln wir entlang der Küste nach Norden. Die Sonne kämpft sich immer wieder durch, aber wir brauchen auch schon die Jacke vom Ölzeug. Meine Rettungsweste habe ich an und den Horizont fest im Blick. Da der Wind nicht ganz so ergiebig weht, fällt die Wahl auf Kappeln.
Bei Schleimünde lässt der Wind nach, und wir segeln mit 1-2 kn die Schlei entlang. Alle anderen überholen uns unter Motor. Die kommen wahrscheinlich alle von Tages- oder Wochenendtörns zurück und wollen schnell nach Hause. Kurz bevor wir anlegen, erwischt uns dann doch noch ein Schauer, aber unser Skipper legt souverän in der letzten freien Box an. Die Crew ist mittlerweile eingespielt, macht fest und hat sich den Anleger unter Deck verdient. Wir warten bis der Regen nachlässt und genießen dann einen entspannten Abend beim Italiener in Kappeln.
Montag, 7.7.2008
Wir schlafen tief und fest und freuen uns am Morgen über das Wetter, dass sich von seiner besten Seite zeigt – blauer Himmel, Sonne und weiße Schönwetterwolken. Mit klarer Aufgabenverteilung bereiten wir das Ablegen vor und verlassen im Laufe des Vormittags Kappeln. Nachdem wir die Schlei hinter uns gelassen haben, nehmen wir Kurs auf Dänemark, genauer gesagt, den Kleinen Belt. Bei mäßigem Wind trübt sich das Wetter zeitweise ein. T-Shirt und Ölzeug wechseln sich als geeignete Bekleidung mehrfach ab, aber was soll´s: auch diese Launen der Natur machen den Törn ja spannend. Als am Horizont ein Gewitter aufzieht, fängt Frank einen skeptischen Blick von mir auf und antwortet mit einem lockeren Schulterzucken, das wohl „Alles klar. Kein Problem!“ ausdrücken soll. Und tatsächlich – irgendwie bleiben wir von Schlimmsten verschont und segeln zwischen den stärkeren Schauern hindurch, ohne wirklich nass zu werden.
Am späten Nachmittag kommen wir in Aerosund an und erreichen damit unseren ersten dänischen Hafen. Leider ist keine Box mehr frei, so dass wir uns ins Päckchen legen müssen. Im Laufe des Abends legt ein weiterer Segler an unserer Steuerbordseite an. Da sich unsere Koje im Vorschiff befindet, werden wir im Lauf der Nacht noch mehrfach akustisch daran erinnert, dass man fremde Schiffe nicht durchs Cockpit, sondern über das Vorschiff überquert. Judith und Thorsten kochen Pasta mit Gemüse und nach dem Essen beginnt eine heiß umkämpfte Partie „Mensch ärgere Dich nicht!“.
Dienstag, 8.7.2008
Heute werden wir vom Regen geweckt – gleich ein Grund mich noch mal umzudrehen. Andreas geht wie immer Brötchen holen. Daran kann man sich gewöhnen. 10 Minuten später wird plötzlich der Motor gestartet. Als ich an Deck komme, um nachzusehen, was los ist, steht unser Skipper mit müden Augen am Steuer und ist dabei abzulegen. Unsere dänischen Nachbarn hatten kurz zuvor signalisiert, dass sie gleich ablegen wollen, so dass wir das Päckchen „auflösen“ müssen. Als der Däne den Hafen verlässt, legen wir erstmal wieder an und frühstücken in aller Ruhe. Andreas und mir wird bewusst, dass wir bereits Bergfest haben. Judith und Thorsten fahren noch eine Woche länger, aber für uns ist am Donnerstag schon Schluss.
Bis hierher brauchte ich weder meine prophylaktisch besorgten Reisekaugummis, die ich ständig in meiner Brusttasche parat habe, noch meine Akupressur-Armbänder – aber besser „man hat“ als „man hätte“. Nach einigen Blicken in Richtung Himmel gibt Frank die Devise „Ölzeug und Gummistiefel“ aus. Es dauert dann auch nur noch eine halbe Stunde, bis die vereinzelten sonnigen Abschnitte verschwunden sind und uns erste Regentropfen erreichen. Nachdem der Schauer vorüber ist, klart es wieder etwas auf und das Schlimmste ist für heute vorbei.
Wir segeln im Kleinen Belt weiter nach Norden. Ich suche mir achtern meinen Platz an der Reling und genieße die Ruhe – bis die Orion plötzlich krängt und ich den Eindruck habe, auf einmal einen Meter höher zu sitzen, während an der Steuerbordseite das Deck fast ins Wasser gedrückt wird. Frank und Andreas bleiben aber ganz gelassen. „Da gehen noch 20 Grad mehr“ meint Frank. Ich halte mich an der Reling fest und denke, dass mir die Krängung auch so schon reicht. Irgendwann in der nächsten Zeit erwischt uns dann eine Bö mit Windstärke 7 und wir machen kurzzeitig sogar 9 kn Fahrt. Es sollte der Topspeed des Törns bleiben. Für den Rest der Crew scheint das Segeln jetzt erst anzufangen, aber ich bin froh, als wir das flussähnliche Nordende des Kleinen Belts erreichen. Fast wie in einem Binnenrevier segeln wir unter zwei großen Brücken hindurch.
Als wir Fredericia hinter uns gelassen und uns entschlossen haben, Bogense an Fünens Nordküste anzusteuern, springt Frank plötzlich auf und läuft zum Bug. Er hat den Schweinswal als erster gesehen.
Nach diesem aufregenden Segeltag kommen wir in Bogense an und müssen bei ziemlich viel Wind anlegen. Als wir uns zum Landgang bereit machen, kommt die Sonne wieder richtig durch. Wir machen einen Spaziergang durch dieses kleine Städtchen, und ich stelle fest, dass ich mir Dänemark genau so vorgestellt habe: ruhig, beschaulich, bunte Fassaden der Häuser und leckeres Vanille-Softeis.
Mittwoch, 9.7.2008
Für Andreas und mich ist heute der letzte Segeltag. Nachdem wir uns in Bogense mit frischen Schollen versorgt haben, laufen wir am späten Vormittag aus und nehmen Kurs auf Aarhus. Der Wind ist schwach und nach einigen Meilen entscheidet sich Frank, Fock und Großsegel als „Schmetterling“ anzuordnen. Das sieht sehr imposant aus und lässt uns den Wind offensichtlich besser ausnutzen.
Unter blauem Himmel geht´s vorbei an einigen Inseln nach Norden. Kurz vor dem Ziel – es ist mittlerweile gegen 20.00 Uhr – kommt Frank nicht umhin, den Motor zu starten. Der Wind hat zu sehr abgeflaut, und wir wollen schließlich noch kochen.
Vor dem Hafen haben wir noch mal Glück und sehen Schweinswale, die gerade dabei sind, sich ihr Abendbrot aus den Fischernetzen zu holen – ganz schön dreist. Es ist bereits deutlich nach 21.00 Uhr, als wir festmachen und den Herd anheizen. Gemeinsam mit Frank und Andreas bereite ich das Abendessen zu – Scholle auf Gemüsebett. Ob es an dem frischen Fisch, der frischen Luft oder an der bereits aufkommenden Wehmut liegt, weiß ich nicht, aber das Essen war sehr lecker und der Abend wurde dann noch ziemlich lang.
Donnerstag, 10.7.2008
Das Aufstehen fällt schwer, aber bevor Peter aus Münster eintrifft und wir mit seinem Mietwagen abreisen, muss noch gepackt werden. Gegen 11.00 Uhr machen wir uns auf die 650 km Richtung Berlin und – wie abgesprochen – kurz nachdem wir Aarhus hinter uns lassen, öffnet der Himmel seine Schleusen. Bis Berlin begleitet uns der Regen und tröstet uns damit über das Ende des Törns hinweg.
Für mich waren es sehr schöne Tage und ich bin froh, dass Andreas´ Überredungskünste im Vorfeld erfolgreich waren. 2009 möchte Andreas seinen Ausbildungstörn für den SKS machen. Wann ich das nächste Mal auf der Orion bin, steht noch in den Sternen – aber es wird ein nächstes Mal geben.
Last but not least: Herzlichen Dank an Frank, unseren Skipper, mit dem der Törn wahnsinnig viel Spaß gemacht hat, und das Team der Yachtschule Wolke.