Author Archiv

Von Anett

Törn: Kiel – Aarhus Länge: 159 sm Zeit: 05.07.-10.07.2008 Schiff: Orion
Skipper: Frank Crew: Judith, Thorsten, Andreas (mein Mann) und ich, Anett

Freitag, 4.7.2008

Im Lauf des Nachmittags ruft uns Frank an und teilt uns mit, dass er mit der Orion im Hafen des Kieler Yachtclubs liegt und uns dort morgen gegen Mittag erwartet. Wir wissen damit jetzt, wo unser Törn beginnt. Die Route kennen wir noch nicht, aber das stört uns nicht, weil wir uns freuen, dass es mit dem Törn überhaupt geklappt hat.

Samstag, 5.7.2008

Um 8.20 Uhr holen uns Thorsten und Judith, die auf direktem Weg aus Erlangen kommen, mit dem Mietwagen, einem Skoda Roomster, ab. Der Kofferraum ist bis unters Dach voll mit Taschen und Proviant, und auch die Rückbank macht nicht den Eindruck, als würden dort noch 2 Erwachsene für die 360 km von Berlin nach Kiel Platz finden. Nachdem die verständlicherweise übermüdeten Judith und Thorsten irgendwie doch auf der Rückbank Platz nehmen, wir noch kurz tanken und Richtung Kiel aufbrechen, beginnt trotz Müdigkeit und Konzentration aufs Fahren ein reger Erfahrungsaustausch zwischen den Seglern. Judith und Thorsten sind bereits mit dem SKS dekoriert, meinem Mann steht die Praxisprüfung noch bevor. Für ihn gilt es, in den kommenden Tagen die erforderlichen Seemeilen zu versegeln und so viel wie möglich zu lernen. Klingt anstrengend, aber er freut sich sehr darauf. Ich bin relativ still und gespannt, was mich die nächsten Tage erwartet. Ich versuche meine Gedanken an eine mögliche Seekrankheit zu verdrängen.
Nachdem wir zügig durchkommen, erwartet uns Frank schon am Kieler Yachthafen. Gemeinsam mit ihm geben Judith und Thorsten den Mietwagen ab, entsorgen das Leergut und erledigen die letzten Einkäufe. Andreas und ich lösen schon mal das Rätsel der Bettbezüge und genießen dann die Kieler Sonne an Deck der Orion. Nach einer kurzen Einweisung zum Schiff, der Benutzung der Rettungswesten und einer Wiederholung des Webeleinsteks legen wir gegen 15.00 Uhr ab. Wir setzen Segel und nehmen Kurs auf Strande. Vorbei an vielen Seglern – unter anderem begegnen uns die „Gorch Fock“ (leider unter Motor) und zwei America´s Cupper – geht´s die Kieler Förde entlang, vorbei an der Holtenauer Schleuse, der Einfahrt in den Nord-Ostsee-Kanal, und Laboe, dem Marinedenkmal.
Nach 2 Stunden machen wir in Strande fest. Die wichtigsten Handgriffe habe ich mir bei Judith abgeschaut. Ich bin froh, beim Anlegemanöver keinen Fender verloren zu haben und genieße den Anleger. Es war doch tatsächlich noch dänisches Dosenbier an Bord – das musste ich probieren. Während Judith und Thorsten Nudeln mit Gorgonzola-Sauce zubereiten, steht für Andreas und mich Landgang auf dem Programm, aber der Reiz des kleinen Örtchens liegt eindeutig in der Küstenlage. Im Hintergrund sind die Bausünden von Schilksee zu sehen – Plattenbauten, die man überall, aber nicht an dieser schönen Küste vermutet (wer dafür wohl die Baugenehmigung erteilt hat?).
Frank repariert ein Problem am Ruder und ist erleichtert, als nach einigen Stunden alles wieder wie gewohnt funktioniert. K. o., aber zufrieden falle ich in meine Koje und freue mich auf morgen.

Sonntag, 6.7.2008

Alle scheinen guter Laune zu sein und frühstücken ausgiebig mit frischen Brötchen. Als Ziel für heute schwankt Frank zwischen Flensburg und Kappeln in der Schlei – mal sehen, wie sich der Wind entwickelt. Als die Segel gesetzt sind, grüße ich Rasmus mit einem Schluck Portwein und wünsche uns „mäßig Wind und reichlich Sonnenschein“ – ein lustiger Brauch.
Umgeben von schöner Landschaft und frischer Seeluft segeln wir entlang der Küste nach Norden. Die Sonne kämpft sich immer wieder durch, aber wir brauchen auch schon die Jacke vom Ölzeug. Meine Rettungsweste habe ich an und den Horizont fest im Blick. Da der Wind nicht ganz so ergiebig weht, fällt die Wahl auf Kappeln.
Bei Schleimünde lässt der Wind nach, und wir segeln mit 1-2 kn die Schlei entlang. Alle anderen überholen uns unter Motor. Die kommen wahrscheinlich alle von Tages- oder Wochenendtörns zurück und wollen schnell nach Hause. Kurz bevor wir anlegen, erwischt uns dann doch noch ein Schauer, aber unser Skipper legt souverän in der letzten freien Box an. Die Crew ist mittlerweile eingespielt, macht fest und hat sich den Anleger unter Deck verdient. Wir warten bis der Regen nachlässt und genießen dann einen entspannten Abend beim Italiener in Kappeln.

Montag, 7.7.2008

Wir schlafen tief und fest und freuen uns am Morgen über das Wetter, dass sich von seiner besten Seite zeigt – blauer Himmel, Sonne und weiße Schönwetterwolken. Mit klarer Aufgabenverteilung bereiten wir das Ablegen vor und verlassen im Laufe des Vormittags Kappeln. Nachdem wir die Schlei hinter uns gelassen haben, nehmen wir Kurs auf Dänemark, genauer gesagt, den Kleinen Belt. Bei mäßigem Wind trübt sich das Wetter zeitweise ein. T-Shirt und Ölzeug wechseln sich als geeignete Bekleidung mehrfach ab, aber was soll´s: auch diese Launen der Natur machen den Törn ja spannend. Als am Horizont ein Gewitter aufzieht, fängt Frank einen skeptischen Blick von mir auf und antwortet mit einem lockeren Schulterzucken, das wohl „Alles klar. Kein Problem!“ ausdrücken soll. Und tatsächlich – irgendwie bleiben wir von Schlimmsten verschont und segeln zwischen den stärkeren Schauern hindurch, ohne wirklich nass zu werden.
Am späten Nachmittag kommen wir in Aerosund an und erreichen damit unseren ersten dänischen Hafen. Leider ist keine Box mehr frei, so dass wir uns ins Päckchen legen müssen. Im Laufe des Abends legt ein weiterer Segler an unserer Steuerbordseite an. Da sich unsere Koje im Vorschiff befindet, werden wir im Lauf der Nacht noch mehrfach akustisch daran erinnert, dass man fremde Schiffe nicht durchs Cockpit, sondern über das Vorschiff überquert. Judith und Thorsten kochen Pasta mit Gemüse und nach dem Essen beginnt eine heiß umkämpfte Partie „Mensch ärgere Dich nicht!“.

Dienstag, 8.7.2008

Heute werden wir vom Regen geweckt – gleich ein Grund mich noch mal umzudrehen. Andreas geht wie immer Brötchen holen. Daran kann man sich gewöhnen. 10 Minuten später wird plötzlich der Motor gestartet. Als ich an Deck komme, um nachzusehen, was los ist, steht unser Skipper mit müden Augen am Steuer und ist dabei abzulegen. Unsere dänischen Nachbarn hatten kurz zuvor signalisiert, dass sie gleich ablegen wollen, so dass wir das Päckchen „auflösen“ müssen. Als der Däne den Hafen verlässt, legen wir erstmal wieder an und frühstücken in aller Ruhe. Andreas und mir wird bewusst, dass wir bereits Bergfest haben. Judith und Thorsten fahren noch eine Woche länger, aber für uns ist am Donnerstag schon Schluss.
Bis hierher brauchte ich weder meine prophylaktisch besorgten Reisekaugummis, die ich ständig in meiner Brusttasche parat habe, noch meine Akupressur-Armbänder – aber besser „man hat“ als „man hätte“. Nach einigen Blicken in Richtung Himmel gibt Frank die Devise „Ölzeug und Gummistiefel“ aus. Es dauert dann auch nur noch eine halbe Stunde, bis die vereinzelten sonnigen Abschnitte verschwunden sind und uns erste Regentropfen erreichen. Nachdem der Schauer vorüber ist, klart es wieder etwas auf und das Schlimmste ist für heute vorbei.
Wir segeln im Kleinen Belt weiter nach Norden. Ich suche mir achtern meinen Platz an der Reling und genieße die Ruhe – bis die Orion plötzlich krängt und ich den Eindruck habe, auf einmal einen Meter höher zu sitzen, während an der Steuerbordseite das Deck fast ins Wasser gedrückt wird. Frank und Andreas bleiben aber ganz gelassen. „Da gehen noch 20 Grad mehr“ meint Frank. Ich halte mich an der Reling fest und denke, dass mir die Krängung auch so schon reicht. Irgendwann in der nächsten Zeit erwischt uns dann eine Bö mit Windstärke 7 und wir machen kurzzeitig sogar 9 kn Fahrt. Es sollte der Topspeed des Törns bleiben. Für den Rest der Crew scheint das Segeln jetzt erst anzufangen, aber ich bin froh, als wir das flussähnliche Nordende des Kleinen Belts erreichen. Fast wie in einem Binnenrevier segeln wir unter zwei großen Brücken hindurch.
Als wir Fredericia hinter uns gelassen und uns entschlossen haben, Bogense an Fünens Nordküste anzusteuern, springt Frank plötzlich auf und läuft zum Bug. Er hat den Schweinswal als erster gesehen.
Nach diesem aufregenden Segeltag kommen wir in Bogense an und müssen bei ziemlich viel Wind anlegen. Als wir uns zum Landgang bereit machen, kommt die Sonne wieder richtig durch. Wir machen einen Spaziergang durch dieses kleine Städtchen, und ich stelle fest, dass ich mir Dänemark genau so vorgestellt habe: ruhig, beschaulich, bunte Fassaden der Häuser und leckeres Vanille-Softeis.

Mittwoch, 9.7.2008

Für Andreas und mich ist heute der letzte Segeltag. Nachdem wir uns in Bogense mit frischen Schollen versorgt haben, laufen wir am späten Vormittag aus und nehmen Kurs auf Aarhus. Der Wind ist schwach und nach einigen Meilen entscheidet sich Frank, Fock und Großsegel als „Schmetterling“ anzuordnen. Das sieht sehr imposant aus und lässt uns den Wind offensichtlich besser ausnutzen.
Unter blauem Himmel geht´s vorbei an einigen Inseln nach Norden. Kurz vor dem Ziel – es ist mittlerweile gegen 20.00 Uhr – kommt Frank nicht umhin, den Motor zu starten. Der Wind hat zu sehr abgeflaut, und wir wollen schließlich noch kochen.
Vor dem Hafen haben wir noch mal Glück und sehen Schweinswale, die gerade dabei sind, sich ihr Abendbrot aus den Fischernetzen zu holen – ganz schön dreist. Es ist bereits deutlich nach 21.00 Uhr, als wir festmachen und den Herd anheizen. Gemeinsam mit Frank und Andreas bereite ich das Abendessen zu – Scholle auf Gemüsebett. Ob es an dem frischen Fisch, der frischen Luft oder an der bereits aufkommenden Wehmut liegt, weiß ich nicht, aber das Essen war sehr lecker und der Abend wurde dann noch ziemlich lang.

Donnerstag, 10.7.2008

Das Aufstehen fällt schwer, aber bevor Peter aus Münster eintrifft und wir mit seinem Mietwagen abreisen, muss noch gepackt werden. Gegen 11.00 Uhr machen wir uns auf die 650 km Richtung Berlin und – wie abgesprochen – kurz nachdem wir Aarhus hinter uns lassen, öffnet der Himmel seine Schleusen. Bis Berlin begleitet uns der Regen und tröstet uns damit über das Ende des Törns hinweg.
Für mich waren es sehr schöne Tage und ich bin froh, dass Andreas´ Überredungskünste im Vorfeld erfolgreich waren. 2009 möchte Andreas seinen Ausbildungstörn für den SKS machen. Wann ich das nächste Mal auf der Orion bin, steht noch in den Sternen – aber es wird ein nächstes Mal geben.

Last but not least: Herzlichen Dank an Frank, unseren Skipper, mit dem der Törn wahnsinnig viel Spaß gemacht hat, und das Team der Yachtschule Wolke.

Comments Keine Kommentare »

Von Jojo

Vom 14. bis 21. Juni 2008

“Aufstehen! Reise, Reise!” so schallt es jeden Morgen durch das bemerkenswert geräumige Unterdeck der Segelyacht Orion, mit der wir vom 14. bis zum 21. Juni 2008 von Emden an der Nordseeküste bis nach Kiel an der Ostseeküste unterwegs sind.
Schon die Rekrutierung der Mannschaft ist ein schwieriges Unterfangen, da wir uns alle aus den unterschiedlichsten Gebieten Deutschlands zusammenfinden müssen.
Als uns dies schließlich glückt und wir am Samstag, dem 14. Juni, um 6:30 Uhr in Emden ankommen, haben wir notgedrungen die ganze Nacht hinterm Steuer des Dodge-Nitro Mietwagens verbracht. Wir sind zu erschöpft, um direkt loszusegeln. Außerdem macht uns das Wetter zusätzlich noch einen Strich durch die Rechnung und es sollte nicht das einzige Mal bleiben.
Nachdem wir ausgeruht und uns ausreichend mit sowohl festen als auch flüssigen Lebensmitteln versorgt haben, wagen wir am nächsten Morgen den Aufbruch. Unser Ziel, die Nordseeinsel Borkum, erreichen wir jedoch an diesem Tag nicht, da der starke Wind (6-7/8 Beaufort) und die hohen Wellen in der Emdener Bucht uns Greenhorns schon erheblich zusetzen. Zudem kommt der Wind von vorn (so genannter “Am-Wind-Kurs”), also müssen wir die ganze Strecke kreuzen (später vom Skipper auch als bolzen: “Du musst nicht so bolzen!”, bezeichnet). Unserer erfahrener Skipper Andreas (ein Gemütsmensch, Sportler und offensichtlich erstklassiger Konstrukteur) entscheidet, auf halber Strecke umzukehren, um in den nächstgelegenen niederländischen Hafen einzulaufen, das ist äußerst weise.
Der nächste Tag ist erfolgreicher, denn wir schaffen es, Borkum bei etwas milderen Bedingungen (5-6/7 Beaufort) zu erreichen.
Für die darauf folgende Etappe, die uns von Borkum bis Cuxhaven führt, investieren wir 15 Stunden mit wechselnden Rudergängern, da der Wind nun fehlt.
Nach einer kurzen Nacht geht es weiter nach Rendsburg im Nord-Ostsee-Kanal und von dort in den Zielhafen von Kiel. In Kiel verbringen wir einen Tag mit dem intensiven Üben diverser Manövern (wie “Mann über Bord!” u. a.).
Wir sind überrascht, was unser Skipper für einfache aber schmackhafte Gerichte aus der Miniaturküche des Schiffs zu zaubern vermag.
Alles in Allem, ist ein Segeltörn auf der Yacht Orion ein sehr einprägsames Erlebnis, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Maria, Jojo und Thomas

Comments Keine Kommentare »

Von Edmund

Von London bis Emden

Prolog

“Last order please” hallt es, begleitet von einem Glockenschlag, durchs „Dicken’s Inn”, einem Pub am St. Katherine’s Dock in London gleich unterhalb der Tower Bridge. Ein bulliger, offensichtlich für alle Fragen der Sicherheit verantwortlicher Mann, macht die Gäste nochmals persönlich auf die anstehende Sperrstunde aufmerksam. Er fordert höflich aber bestimmt zum Austrinken der Gläser auf. Sein Blick macht sofort klar: dem sollte man unbedingt Folge leisten. Und so leeren sich die Gläser und das Lokal in wenigen Minuten. Das ist für uns Kontinental-Europäer ungewöhnlich. Doch das frühe Schließen der englischen Lokale ist uns heute Abend recht, treten wir doch morgen früh die Reise Themse abwärts mit „unserer Segelyacht“ Orion an.

London

Am Samstag, dem 23. Mai, kommen wir – meine Frau Karola und ich – nachmittags per Flugzeug aus Frankfurt an und werden von unserem Skipperpaar Angelika und Andreas in Empfang genommen. Vier Tage liegen wir hier fest. Unser Schiff, die Segelyacht Orion, 7/8 getakelte Slup und ca. 13 Meter lang, liegt im westlichen Becken des 1828 entstandenen Hafens St. Katherine’s Dock. In den 60er und 70er Jahren verloren die Londoner Docks mit dem Aufkommen immer größerer Schiffe ihre Bedeutung und wurden alle geschlossen. Die Hafenindustrie verlagerte sich Themse-abwärts. Mittlerweile haben sich die Docklands zu Geschäftszentren und exklusiven Wohnlagen entwickelt – aus Lagerhäusern wurden teure Luxus-Apartmenthäuser und Einkaufszentren, die ehemaligen Docks werden als Yachthäfen und Wassersportzentren genutzt.
Jeden Tag holen wir mehrfach den Wetterbericht ein, erwartungsvoll studieren wir ihn gründlich. Tiefdruckgebiete und Sturmwarnungen mit östlichem Wind im Bereich der Themsemündung sowie im Englischen Kanal und der Deutschen Bucht lassen uns die Abreise immer wieder verschieben. Aber für den kommenden Tag sieht der Wetterbericht günstig aus. Die Themse ist bis London erheblich durch Ebbe und Flut geprägt. Da ist es mit der Orion, trotz relativ starker Motorisierung (immerhin 62 PS) wenig sinnvoll, gegen den Tidenstrom anzufahren. Wir planen daher, gegen 8 Uhr, ca. eine Stunde vor dem höchsten Wasserstand auszulaufen. Die Strömung ist dann kurz vor dem Kippen und nicht mehr so stark. Das ablaufende Wasser bis zur folgenden Ebbe wird uns dann flussabwärts unterstützen und die Strömung auch noch bis in den Princess Channel in der Themse-Mündung und weiter in Richtung Ramsgate – unserem ersten Zielhafen – helfen.
Die vier Tage bis zum Ablegen nutzen wir, um ein bisschen mehr von London kennenzulernen. Die Stadt hat sich in den letzten Jahren zu einer globalen Metropole entwickelt und konnte dabei wohl wieder in die Rolle schlüpfen, die sie über weite Teile des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts einnahm. In den letzten Jahren sind viele neue Gebäude in teilweise recht anspruchsvoller Architektur entstanden. Die Qualität der Lebensmittel hat erheblich zugenommen. In jedem Supermarkt ist auch Bioware erhältlich – kein Vergleich zu den achtziger und neunziger Jahren.
London ist immer noch eine Stadt, in der man sich schnell bewegt. Aber trotz der Hektik machen die Menschen auf uns einen überaus freundlichen und hilfsbereiten Eindruck. Ein Besuch in dem in der Jazz-Szene weltbekannten Club Ronnie Scott’s stand für uns als Jazz-Fans mit auf dem Programm.

London – Ramsgate

Donnerstag, 29. Mai, 7 Uhr: Ein wunderschöner Morgen mit wolkenlosem Himmel. Wir bitten den Hafenmeister per Funk um Erlaubnis zur Einfahrt in die Schleuse. Eine Klappbrücke hebt sich, wir fahren hindurch ins Nachbarbecken und laufen als erste in die Schleuse ein. St. Katherine’s Dock ist nur über diese Schleuse von der Themse her zugänglich. Der Wasserstand des Hafens ist dadurch trotz des erheblichen Tidenhubs der Themse gleichbleibend. Geschleust wird jeweils von einer Stunde vor dem höchsten Wasserstand und bis eine Stunde danach. Mit uns geschleust werden ein historischer Lastensegler und drei weitere Segelyachten.
Gegen 7:40 Uhr öffnen sich die Schleusentore. Die Themse-abwärts geht es durch London. Greenwich kommt in Sicht. Durch das Royal Observatory in Greenwich verläuft der sogenannte Nullmeridian, also 0 Grad geographischer Länge. Natürlich halte ich den Moment, als wir den Nullmeridian passieren und unser GPS diese anzeigt auf einem Foto fest – wer hat schon so ein Foto?
Um 9:30 Uhr passieren wir die Thames Barrier, ein beeindruckendes Flutschutzwerk und mit 523 Metern Länge das größte seiner Art, das London seit 1984 vor Fluten der Nordsee schützen soll. Die vier mittleren Tore sind je 60 Meter breit und 10,5 Meter hoch. Sie können auf den Boden der Themse abgesenkt werden, so dass Schiffe bis 16 Meter Tiefgang passieren können.
Kurz darauf werden wir von einem Kreuzfahrtschiff überholt. Auf vielen der Balkone sitzen oder stehen Passagiere, alle in weiße Bademäntel gehüllt, – die meisten winken uns zu. Sieht schon ziemlich skurril aus – all die weißen Bademäntel.
Erstaunlich ist, dass wir wenigen Berufsschiffen begegnen – kein Vergleich mit dem uns so vertrauten Rhein.
Themse-abwärts verschlechtert sich das Wetter zunehmend. Als wir nahe der Themse-Mündung in den Yantlet Chanel einlaufen, beginnt es zu regnen. Jetzt fällt auch die Temperatur und die Sicht verschlechtert sich. Ab Tonne 2 des Yantlet Chanels haben wir bis zu unserem Ziel Ramsgate in unser GPS Wegpunkte eingegeben. Dadurch wird trotz der schlechten Bedingungen die Navigation problemlos. Nur die Hoffnung, ab hier Segeln zu können, erfüllt sich nicht. Der Wind hat rechtgedreht und kommt jetzt genau von vorn. Gegen 15:15 Uhr laufen wir in den Princess Channel ein. Unter Motor erreichen wir gegen 19 Uhr endlich Ramsgate.
Karola und ich melden unser Schiff beim Port Captain an. Bei dem üblichen und für Engländer ja so überaus wichtigen Smalltalk erfahren wir, man habe in den letzten drei Wochen nur zwei Regentage gehabt. Und einen davon hätten wir eben erwischt. Aber nun käme das Wetter aus Frankreich und da wisse man ja nie… Hören wir da etwa alte Rivalitäten zweier großer Seefahrernationen heraus?

Ramsgate – Oostende

Freitag, 30. Mai, 9 Uhr: Wir verlassen Ramsgate bei Nieselregen und schlechter Sicht. Der Wind weht mit 3 bis 4 Beaufort aus Nordwest. Nach der Hafenausfahrt setzen wir die Segel. Später schwächt der Wind jedoch so ab, dass wir gegen Mittag die Segel wieder einholen. Unter Motor geht es weiter. Das Boot rollt in der kräftigen Dünung, die im Kanal wohl wegen des stürmischen Wetters der vorangegangenen Tage herrscht. Für mich sehr unangenehm, Symptome der Seekrankheit melden sich. Die ersten 2 bis 3 Tage auf See sind bei mir immer kritisch.
Dafür klart das Wetter auf und im späten Nachmittag frischt auch der Wind wieder auf. Bei 2 Bft setzen wir erneut die Segel, müssen sie aber schon eine Stunde später wieder einholen. Wind und Wetter auf der Nordsee sind eben sehr wechselhaft.
Obwohl der Kanal als Schifffahrtsweg die höchste Verkehrsdichte weltweit aufweist, begegnen uns nur wenige Schiffe. Das belgische Nieuwpoort kommt in Sicht. Wir fahren in der sogenannten Küstenverkehrszone, die nur von Segelschiffen und Schiffen mit einer Länge von weniger als 20 Metern genutzt werden darf, in Richtung Oostende. Die Sicht ist wieder nur mäßig, die Küste daher nur schemenhaft erkennbar. Weiterhin unter Motor erreichen wir gegen 21:30 Uhr Oostende. Die Hafeneinfahrt wird über Lichtsignale geregelt – wir müssen warten. Über Funk erfahren wir, dass zunächst noch eine Fähre auslaufen muss. Nach einer halben Stunde dürfen wir schließlich einlaufen und finden im kleinen Yachthafen gleich hinter der Hafeneinfahrt einen Liegeplatz. Mit uns laufen noch eine Handvoll weiterer Segelschiffe ein, es wird richtig eng. Nun noch das Deck klarieren, kochen und endlich etwas essen.
Trotz aller Müdigkeit beschließen wir, auf der Promenade noch einen „Absacker“ zu nehmen. Wir genießen die flämisch-französische Sprachenvielfalt Belgiens – wenn die Politik nicht dazwischen kommt, können die Belgier offensichtlich problemlos damit umgehen. Da wir besser Französisch als Flämisch können, bestellen wir auf Französisch. Englisch oder Deutsch wären vermutlich auch gegangen. Als wir zum Hafen zurückkehren – es ist schon stockdunkel – wird der weltweit größte Schwimmkran von Schleppern in den Hafen gezogen und macht in Sichtweite fest. Wir sind beeindruckt.

Oostende – Middelburg

Samstag, 31. Mai, 10:10 Uhr: Wir legen ab und setzen gleich hinter der Hafenausfahrt die Segel. Der Wind weht aus Nord bis Nordost mit 3 Bft, er soll jedoch auf Nordwest drehen. Das klingt vielversprechend. Geplant ist, entlang der belgischen und niederländischen Küste bis Hook von Holland zu gehen. Aber der Wind lässt uns wieder im Stich. Gegen 13:45 Uhr geben wir das Segeln auf und starten den Motor.
Der aktuelle Wetterbericht klingt nun auch nicht mehr so gut – gestern Abend sah das noch besser aus. Aufgrund der Wetteraussichten ist es besser, bei Vlissingen in die Scheldemündung zu gehen. Darüber freue ich mich. Erstens, weil ich immer noch unter Symptomen der Seekrankheit leide. Und zweitens, weil ich die niederländische Halbinsel Walcheren durch viele Urlaube gut kenne. Schon als Kind habe ich oft an der Schleuse in Vlissingen gestanden und die ein- und auslaufenden Schiffe bestaunt.
Daran erinnere ich mich, als wir in die Scheldemündung ein- und am mir vertrauten Panorama von Vlissingen vorbeilaufen. Um 15:45 Uhr erreichen wir die Sluise Vlissingen und werden gleich geschleust. Danach geht es durch den Kanaal door Walcheren. Dieser 1873 erbaute Kanal verläuft durch die Halbinsel Walcheren und verbindet Vlissingen an der Westerschelde als seinem südlichen Ende mit Veere am Veersemeer an seinem nördlichen Ende. Wir müssen mehrere Klapp- und Drehbrücken passieren. Die werden zentral gesteuert; wir müssen aber jedes Mal ca. 30 Minuten warten. So erreichen wir gegen 17:00 Uhr endlich Middelburg. Gleich in der Hafeneinfahrt liegt die Bootstankstelle. Hier tanken wir Diesel, danach suchen wir einen schönen Anlegeplatz. Der Hafen in Middelburg zieht sich mit seinen Anlegestellen entlang der Grachten hin. So liegen die Schiffe mitten in der Stadt. Noch ist Zeit zum Einkaufen. Der Supermarkt mit einem gigantischen Angebot hat auch samstags bis 20:00 Uhr auf und öffnet sogar sonntags. Die Servicewüste Deutschland lässt grüßen. Mit dem frisch Eingekauften bereiten wir uns noch ein leckeres Abendmenü.

Middelburg – de Put

Es ist Sonntag, der 1. Juni, 06:40 Uhr: Ein wunderschöner Sonntagmorgen. Die Stadt liegt noch ganz ruhig, nur die Vögel zwitschern. Das Wasser ist glatt; Häuser, Bäume und Schiffe spiegeln sich darin. Wir bemühen uns, möglichst leise unser Boot klar zu machen und abzulegen. Unter Motor fahren wir weiter über den Walcherenkanal auf Veere zu. Jetzt erst einmal eine schöne Tasse heißen Kaffee, die wir an Deck genießen und dabei die Landschaft an uns vorüberziehen lassen.
Das malerische Städtchen Veere war um 1500 ein bedeutender Handelsplatz und weist aus dieser Zeit eine mächtige, alles überragende und daher auch für uns schon von weit her sichtbare Kirche auf (Liebfrauenkirche, erbaut im 15. und 16. Jahrhundert). Trotz der frühen Stunde werden wir geschleust. Die Schleusentore öffnen sich und wir fahren in das Veersemeer ein. Bei schwachem Windes setzen wir die Segel. Die Orion gleitet leise durchs Wasser. Als wir uns langsam von Veere entfernen, ist vom Turm der Liebfrauenkirche das Glockenspiel zu hören.
Das Segelvergnügen ist erneut nur von kurzer Dauer. Nach zwei Stunden schläft der Wind ein. Wir bergen die Segel und fahren unter Motor weiter. Die nächste Schleuse (Spuisluis Katse Veer) bringt uns in die Osterschelde. Die Sicht ist mittlerweile schlecht, an Segeln nicht zu denken. Wir laufen weiter durch die Wasserarme der Scheldemündung über den Roompot sowie Grevelingen Meer Richtung Haringvliet und müssen dabei zwei weitere Schleusen durchfahren. Als zwischendurch der Wind erneut auf 3 bis 4 Bft auffrischt, setzen wir wieder die Segel. Aber auch diesmal lässt er uns nach etwa 2 Stunden im Stich. Gegen 18:30 Uhr erreichen wir die Haringvlietbrug. Der Mast der Orion ist mit über 21 Metern zu hoch, um einfach unter der Brücke durchfahren zu können. Für solche Fälle ist ein am Rand gelegenes Brückenelement klappbar. Wir müssen warten (über die Brücke verläuft schließlich eine viel befahrene Schnellstraße) und bringen daher den Anker aus. Die Wartezeit nutzen wir für das Abendessen auf Deck.
Nach der Durchfahrt können wir erneut die Segel setzen. Mit vielen Kreuzschlägen durchfahren wir das Fahrwasser auf dem Haringvliet in der Abendsonne. Kein anderes Schiff ist zu sehen, ein paar Schafe weiden auf den umliegenden Wiesen der friedlich daliegenden Landschaft. Trotz des engen Fahrwassers ist das Manövrieren bei dem leichten Wind geradezu spielerisch einfach. Für mich sind dies mit die schönsten Momente auf dieser Reise.
Mit schwindendem Tageslicht erreichen wir den kleinen Yachthafen De Put. An der Einfahrt steht auf einer Tafel „Gäste willkommen“. Da suchen wir uns gern einen freien Liegeplatz.
Das Büro des Hafenmeisters ist um diese Uhrzeit nicht mehr besetzt. Auch sonst ist kein Mensch zu sehen. Mit Ausnahme des geschlossenen Vereinslokals sind alle Einrichtungen (Duschen, WC, Müllcontainer etc.) nutzbar. Da wir am nächsten Morgen wieder sehr früh starten, bedanken wir uns beim Hafenmeister für die Nutzung des Hafens mit seinen Einrichtungen mit einem Brief, in den wir einen Geldbetrag stecken.

De Put – Ijmuiden

Montag, 2. Juni, 7:40 Uhr: Wieder so ein wunderschöner Morgen. Wir laufen aus De Put aus und unter Motor durch den Haringvliet Richtung Nordsee. Um 9:25 Uhr erreichen wir die Schleuse Georeese Sluis. Dahinter liegt die Nordsee. Wir werden sofort geschleust. Dann kommt die Überraschung: als sich die Schleusentore öffnen, sehen wir außer Nebel nichts. Mit jedem Meter, den wir zurücklegen, wird es schlimmer. Dank unseres Radars navigieren wir uns durch die beiden schwierigen Fahrwasser Pampus und Stijkgat. Die Tonnen erkennen wir erst, wenn sie nur noch wenige Meter entfernt sind.
Nach etwa einer Stunde sind die Fahrwasser und das Nebelfeld hinter uns, wir können bei nordöstlichem Wind mit einer Stärke von 3 Bft die Segel setzen. Nach der Hafeneinfahrt von Rotterdam müssen wir kreuzen, wenn wir Ijmuiden erreicchen wollen. Der Wind frischt immer weiter auf, so dass gerefft werden muss. Hinter der Hafenmole von Ijmuiden bergen wir die Segel. Es ist 20 Uhr, als wir festmachen.
Der Yachthafen, Mitte der 90er Jahre künstlich angelegt, ist von enormer Größe, bietet alles (sanitäre Einrichtungen, Waschsalon, Supermarkt, mehrer Kneipen und Restaurants) und ist perfekt organisiert.
Abends besuchen uns noch Elke und Mathieu. Elke stammt aus Dresden und lebt seit vielen Jahren in Amsterdam mit ihrem Mann Mathieu. Beide sind mit Andreas und Angelika befreundet und spontan aus Amsterdam gekommen, als sie erfuhren, dass wir in Ijmuiden liegen. Es wird ein schöner Abend.

Ijmuiden – Den Helder

Dienstag, 3. Juni, 10 Uhr: Uwe Richter, mit Andreas befreundet, kommt mit seiner zweiköpfigen Crew zu uns an Bord. Die drei haben am Vortag um 15:00 Uhr ein Charterschiff in Lemmer am Ijsselmeer übernommen und sind fast die ganze Nacht nach Ijmuiden gefahren, um mit uns heute zusammen nach Den Helder zu segeln. Segler sind schon eine besondere Spezies!
Wir starten mit unseren beiden Booten mittags und setzen im Vorhafen die Segel. Der Wind kommt mit 3 Bft aus West. Später dreht der Wind und kommt achterlich, schwächt aber immer mehr ab. Zunächst baumen wir die Fock aus und segeln „im Schmetterling“. Als der Wind noch schwächer wird entschließen wir uns, den Spinnaker zu setzen. Das geht zunächst auch gut. Aber der Wind nimmt weiter ab und fällt dann immer wieder in Böen in den Spinnaker ein. Das reißt natürlich am Tuch. Der Spinnaker zeigt schließlich auch einen Riss. Wir holen ihn ein, segeln in den Vorhafen von Den Helder und holen dort am späten Nachmittag die Segel ein und legen an.
Wir liegen im Koninklijke Marine Yacht Club. Uns gegenüber liegt ein Ketsch-getakeltes Holzschiff von sicherlich 25 Metern Länge, das den Union Jack als Nationalflagge führt. Das dürften, laut Andreas, nur die Marine und die Mitglieder der königlichen Familie. Die Marine ist es nicht – die Kleiderordnung an Bord ist eher smart casual. Wer von den Royals wird es wohl gewesen sein?
Und dann liegt da noch ein dänisches Holzboot, eine Slup, etwa 11 Meter lang mit deutscher Segelnummer – ein echter Hingucker.

Den Helder – Lauwersoog

Mittwoch, 4. Juni, 12:45 Uhr: Auf dem Weg nach Osten nähert sich in schneller Fahrt von achtern ein Schlauchboot, besetzt mit fünf militärisch aussehenden Männern. Wir passieren gerade die westfriesische Insel Texel. Es ist zwar sonnig, aber bei nur schwachem Wind müssen wir motoren. Ich stehe am Steuer, das Schlauchboot hat uns erreicht und die Besetzung fragt, ob sie an Bord dürfe. Ich bejahe, was auch sonst.
Drei der fünf Insassen kommen an Bord, stellen sich höflich vor und nehmen im Cockpit Platz. Offensichtlich sind sie bemüht, jede Eskalation der Situation zu vermeiden. Und dann werden wir sehr ausführlich kontrolliert: Papiere des Bootes und der Besatzung, Fragen zum Ziel und Zweck unserer Reise, die bisherigen Stationen, Alkohol, Zigaretten etc. etc. Einer von denen ist wohl Zöllner – das berufsmäßige Misstrauen steht ihm „im Gesicht geschrieben“. Außerdem fallen ihm immer neue Fragen ein. Schließlich sind sie von unserer Harmlosigkeit überzeugt, wünschen uns eine gute Reise und machen sich mit ihrem Schlauchboot auf zum nächsten Segelschiff, das wir in einiger Entfernung sehen.
Wir setzen unsere Fahrt fort. Erst später, als der Wind zunimmt, setzen wir die Segel. Gegen 20 Uhr erreichen wir das Fahrwasser Richtung Lauwersoog. Es ist wieder neblig, die Sicht dementsprechend schlecht. Endlich, kurz vor 22 Uhr kommt die Hafeneinfahrt von Lauwersoog in Sicht. Schnell werden die Segel eingeholt. Über Funk werden wir aufgefordert, im Fischereihafen festzumachen.
Der Fischereihafen – so erfahre ich am nächsten Morgen – soll bis 2009 in einen Yachthafen umgebaut werden. Der Bestand an Yachten nimmt zu; mit Fischen lässt sich leider immer weniger Geld verdienen.

Lauwersoog – Borkum

Donnerstag, 5. Juni, kurz nach dem Frühstück: Ein alter Lastensegler, heutzutage als Charterboot zu mieten, hat die Nacht am Nachbarkai verbracht und übersieht die Orion beim Ablegen und Manövrieren in Rückwärtsfahrt. Erst durch unsere lautes Gebrüll wird der Skipper auf uns aufmerksam. Das Schraubenwasser, aufgewirbelt vom Aufstoppen in letzter Sekunde, schwappt über die Orion hinweg.
Heute laufen wir unter Segel bei Sonnenschein und nordwestlichem Wind mit zunächst 2 Bft durch das Watt nach Borkum. Dabei gilt es, Untiefen und Fischerboote gleichermaßen zu berücksichtigen. Zu allem dreht der Wind im Laufe des Tages nach Ost und nimmt immer mehr zu. Nachmittags müssen wir bei inzwischen Windstärke 6, in Böen 7, sogar reffen. Die Strömung ist inzwischen gekippt. Viele Schlägen müssen wir kreuzen und gewinnen dabei kaum noch Höhe – was für eine „Bolzerei“. Gegen 20 Uhr erreichen wir dann endlich die Hafeneinfahrt von Borkum.
Die Nacht verbringen wir „im Päckchen“ neben einer sehr neu aussehenden, 44-Fuß-Dehler als Decksalonyacht. „Schönes Schiff”, bemerke ich. Damit habe ich wieder mal für reichlich Gesprächsstoff zwischen Andreas, dem Puristen, und mir gesorgt.

Borkum – Emden

Freitag, 6. Juni 2008: Gegen 9:45 Uhr legen wir im Hafen Borkum ab. Wir sind spät dran, wissen wir doch, dass die Flut in Emden gegen 15 Uhr ihren Höchststand erreichen wird. Bei unserem letzten Auslaufen will ich noch einmal alles geben und das Großsegel so schnell wie noch nie heißen. Angelika steht am Steuer und dreht in den Wind. Als das Kommando zum Segelsetzen kommt, hole ich mit aller Kraft das Großfall … und… fasse ins Leere. Das Fall ist nicht richtig am Segelkopf angeschlagen und rauscht aus, bevor ich in meinen Bewegungen inne halten kann. Nun baumelt es kurz unterhalb der zweiten Saling. Wir machen noch einmal fest. Dabei werden wir von unserem Bootsnachbarn der vergangenen Nacht schelmisch mit „Na, noch ‘ne Tüte Milch kaufen?“ begrüßt. Angelika lässt sich im Bootsmannstuhl hochziehen, um das Fall zu klarieren.
Der zweite Versuch klappt dann – wir setzen im Hafen das Großsegel und die Fock. Der Wind steht mal wieder gegen an und für den Rest des Tages gilt es, uns kreuzend Emden zu nähern; reichlich Gelegenheit, die Manöver zu perfektionieren. Gegen 15 Uhr – Emden bereits in Sichtweite – rächt sich unser spätes Auslaufen in Borkum, der Strom kippt. Uns kommen bereits zahlreiche Segelschiffe entgegen. Wir merken: wenn in einem Tidengebiet alle Schiffe entgegen kommen, hat man etwas falsch gemacht.
Die nächste Stunde wird mühsam: in dem engen Fahrwasser, umgeben von zahlreichen flachen Stellen und mit reichlich Berufsschifffahrt, müssen wir bei 5 bis 6 Bft kreuzen. Die Besatzung eines norwegischen Frachters ist schließlich nett und fährt sehr eng an die äußere Fahrwassergrenze heran. Das gibt uns genügend Raum für einen letzten Schlag und wir schaffen es, kurz hinter dem Frachter in die Hafeneinfahrt einzulaufen. Wir können sogar gleich nach dem Frachter in die Schleuse einfahren, die uns noch vom Binnenhafen trennt. Man muss ja auch mal Glück haben.

Rückfahrt

Samstag, 7. Juni: Es ist ein sonniger Samstagmorgen mit schwachem Wind – ideale Segelbedingungen. Aber unser zweiwöchiger Törn endet hier. Die Orion liegt gut vertäut am Steg des Vereins „Segelnde Friesen Emden“. Ein Vorstandsmitglied des Vereins, das uns gestern zufällig bemerkt hatte, als wir nach einer Liegemöglichkeit suchten, hat ermöglicht, dass die Orion hier in der kommenden Woche liegen kann. Wir bereiten das Schiff auf diese Pause und für die nächste Crew vor. Das heißt, Vorsegel abschlagen und verstauen, dem Großsegel das Segelkleid anziehen, Schiff innen und außen säubern, die Kojen neu beziehen und Motorwartung. Unser zahlreiches Gepäck wird in dem viel zu kleinen Mietwagen verstaut, in dem wir die Heimfahrt antreten wollen. Ein bisschen Wehmut liegt in dem letzten Blick auf die Orion.
Kapitän Andreas Wolke, in den vergangene zwei Wochen unser Skipper, nimmt im Cockpit Platz, begrüßt die Passagiere und erhält Startgenehmigung. Und schon geht es ab über die A31 und A3 via Südhessen in niedriger Flughöhe über Deutschland. Gegen 15 Uhr landen wir wohlbehalten im heimatlichen Südhessen. Berücksichtigt man die eine Stunde, die wir in einem Stau bei Leverkusen stehen, entspricht das einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 140 Kilometern pro Stunde. Nicht schlecht, Herr Specht.

Fazit

Die letzten beiden Wochen waren ein unvergessliches Erlebnis und gleichzeitig eine Herausforderung, die uns als Landratten vor allem vor Augen geführt hat, welche Anforderungen an ein Schiff, seine Ausrüstung und letztlich auch seine Besatzung bei einem solchen Törn gestellt werden. Die Ausbildung und der Erwerb von Sportbootführerscheinen – so notwendig und hoffentlich solide sie auch sein mögen – kann die Erfahrung nicht ersetzen, die ein anspruchsvolles Revier wie die Nordsee mit den schnell wechselnden Wetterbedingungen, Tide und Strömungen, Berufsschifffahrt und stark frequentierten Schifffahrtswegen, Wattgebieten mit Flachs und Gatten sowie zahlreichen Fischern erfordert, wenn man einen solchen Törn in der geplanten Zeit und ohne böse Überraschungen bewältigen will. Und diese Erfahrung will erst einmal erworben sein. Wie hieß es doch gleich in dem Buch eines Berufsseglers, dass ich vor einigen Monaten las: geprüft wird zweimal – einmal in der Prüfung für den Führerschein und einmal auf dem Meer. Auf der Nordsee wird täglich geprüft, manchmal auch mehrmals. Den nächsten Törn in der Nordsee mit der Orion sowie Angelika und Andreas als Skipperpaar haben wir übrigens bereits verabredet.

Comments 1 Kommentar »