Von Edmund

Von London bis Emden

Prolog

“Last order please” hallt es, begleitet von einem Glockenschlag, durchs „Dicken’s Inn”, einem Pub am St. Katherine’s Dock in London gleich unterhalb der Tower Bridge. Ein bulliger, offensichtlich für alle Fragen der Sicherheit verantwortlicher Mann, macht die Gäste nochmals persönlich auf die anstehende Sperrstunde aufmerksam. Er fordert höflich aber bestimmt zum Austrinken der Gläser auf. Sein Blick macht sofort klar: dem sollte man unbedingt Folge leisten. Und so leeren sich die Gläser und das Lokal in wenigen Minuten. Das ist für uns Kontinental-Europäer ungewöhnlich. Doch das frühe Schließen der englischen Lokale ist uns heute Abend recht, treten wir doch morgen früh die Reise Themse abwärts mit „unserer Segelyacht“ Orion an.

London

Am Samstag, dem 23. Mai, kommen wir – meine Frau Karola und ich – nachmittags per Flugzeug aus Frankfurt an und werden von unserem Skipperpaar Angelika und Andreas in Empfang genommen. Vier Tage liegen wir hier fest. Unser Schiff, die Segelyacht Orion, 7/8 getakelte Slup und ca. 13 Meter lang, liegt im westlichen Becken des 1828 entstandenen Hafens St. Katherine’s Dock. In den 60er und 70er Jahren verloren die Londoner Docks mit dem Aufkommen immer größerer Schiffe ihre Bedeutung und wurden alle geschlossen. Die Hafenindustrie verlagerte sich Themse-abwärts. Mittlerweile haben sich die Docklands zu Geschäftszentren und exklusiven Wohnlagen entwickelt – aus Lagerhäusern wurden teure Luxus-Apartmenthäuser und Einkaufszentren, die ehemaligen Docks werden als Yachthäfen und Wassersportzentren genutzt.
Jeden Tag holen wir mehrfach den Wetterbericht ein, erwartungsvoll studieren wir ihn gründlich. Tiefdruckgebiete und Sturmwarnungen mit östlichem Wind im Bereich der Themsemündung sowie im Englischen Kanal und der Deutschen Bucht lassen uns die Abreise immer wieder verschieben. Aber für den kommenden Tag sieht der Wetterbericht günstig aus. Die Themse ist bis London erheblich durch Ebbe und Flut geprägt. Da ist es mit der Orion, trotz relativ starker Motorisierung (immerhin 62 PS) wenig sinnvoll, gegen den Tidenstrom anzufahren. Wir planen daher, gegen 8 Uhr, ca. eine Stunde vor dem höchsten Wasserstand auszulaufen. Die Strömung ist dann kurz vor dem Kippen und nicht mehr so stark. Das ablaufende Wasser bis zur folgenden Ebbe wird uns dann flussabwärts unterstützen und die Strömung auch noch bis in den Princess Channel in der Themse-Mündung und weiter in Richtung Ramsgate – unserem ersten Zielhafen – helfen.
Die vier Tage bis zum Ablegen nutzen wir, um ein bisschen mehr von London kennenzulernen. Die Stadt hat sich in den letzten Jahren zu einer globalen Metropole entwickelt und konnte dabei wohl wieder in die Rolle schlüpfen, die sie über weite Teile des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts einnahm. In den letzten Jahren sind viele neue Gebäude in teilweise recht anspruchsvoller Architektur entstanden. Die Qualität der Lebensmittel hat erheblich zugenommen. In jedem Supermarkt ist auch Bioware erhältlich – kein Vergleich zu den achtziger und neunziger Jahren.
London ist immer noch eine Stadt, in der man sich schnell bewegt. Aber trotz der Hektik machen die Menschen auf uns einen überaus freundlichen und hilfsbereiten Eindruck. Ein Besuch in dem in der Jazz-Szene weltbekannten Club Ronnie Scott’s stand für uns als Jazz-Fans mit auf dem Programm.

London – Ramsgate

Donnerstag, 29. Mai, 7 Uhr: Ein wunderschöner Morgen mit wolkenlosem Himmel. Wir bitten den Hafenmeister per Funk um Erlaubnis zur Einfahrt in die Schleuse. Eine Klappbrücke hebt sich, wir fahren hindurch ins Nachbarbecken und laufen als erste in die Schleuse ein. St. Katherine’s Dock ist nur über diese Schleuse von der Themse her zugänglich. Der Wasserstand des Hafens ist dadurch trotz des erheblichen Tidenhubs der Themse gleichbleibend. Geschleust wird jeweils von einer Stunde vor dem höchsten Wasserstand und bis eine Stunde danach. Mit uns geschleust werden ein historischer Lastensegler und drei weitere Segelyachten.
Gegen 7:40 Uhr öffnen sich die Schleusentore. Die Themse-abwärts geht es durch London. Greenwich kommt in Sicht. Durch das Royal Observatory in Greenwich verläuft der sogenannte Nullmeridian, also 0 Grad geographischer Länge. Natürlich halte ich den Moment, als wir den Nullmeridian passieren und unser GPS diese anzeigt auf einem Foto fest – wer hat schon so ein Foto?
Um 9:30 Uhr passieren wir die Thames Barrier, ein beeindruckendes Flutschutzwerk und mit 523 Metern Länge das größte seiner Art, das London seit 1984 vor Fluten der Nordsee schützen soll. Die vier mittleren Tore sind je 60 Meter breit und 10,5 Meter hoch. Sie können auf den Boden der Themse abgesenkt werden, so dass Schiffe bis 16 Meter Tiefgang passieren können.
Kurz darauf werden wir von einem Kreuzfahrtschiff überholt. Auf vielen der Balkone sitzen oder stehen Passagiere, alle in weiße Bademäntel gehüllt, – die meisten winken uns zu. Sieht schon ziemlich skurril aus – all die weißen Bademäntel.
Erstaunlich ist, dass wir wenigen Berufsschiffen begegnen – kein Vergleich mit dem uns so vertrauten Rhein.
Themse-abwärts verschlechtert sich das Wetter zunehmend. Als wir nahe der Themse-Mündung in den Yantlet Chanel einlaufen, beginnt es zu regnen. Jetzt fällt auch die Temperatur und die Sicht verschlechtert sich. Ab Tonne 2 des Yantlet Chanels haben wir bis zu unserem Ziel Ramsgate in unser GPS Wegpunkte eingegeben. Dadurch wird trotz der schlechten Bedingungen die Navigation problemlos. Nur die Hoffnung, ab hier Segeln zu können, erfüllt sich nicht. Der Wind hat rechtgedreht und kommt jetzt genau von vorn. Gegen 15:15 Uhr laufen wir in den Princess Channel ein. Unter Motor erreichen wir gegen 19 Uhr endlich Ramsgate.
Karola und ich melden unser Schiff beim Port Captain an. Bei dem üblichen und für Engländer ja so überaus wichtigen Smalltalk erfahren wir, man habe in den letzten drei Wochen nur zwei Regentage gehabt. Und einen davon hätten wir eben erwischt. Aber nun käme das Wetter aus Frankreich und da wisse man ja nie… Hören wir da etwa alte Rivalitäten zweier großer Seefahrernationen heraus?

Ramsgate – Oostende

Freitag, 30. Mai, 9 Uhr: Wir verlassen Ramsgate bei Nieselregen und schlechter Sicht. Der Wind weht mit 3 bis 4 Beaufort aus Nordwest. Nach der Hafenausfahrt setzen wir die Segel. Später schwächt der Wind jedoch so ab, dass wir gegen Mittag die Segel wieder einholen. Unter Motor geht es weiter. Das Boot rollt in der kräftigen Dünung, die im Kanal wohl wegen des stürmischen Wetters der vorangegangenen Tage herrscht. Für mich sehr unangenehm, Symptome der Seekrankheit melden sich. Die ersten 2 bis 3 Tage auf See sind bei mir immer kritisch.
Dafür klart das Wetter auf und im späten Nachmittag frischt auch der Wind wieder auf. Bei 2 Bft setzen wir erneut die Segel, müssen sie aber schon eine Stunde später wieder einholen. Wind und Wetter auf der Nordsee sind eben sehr wechselhaft.
Obwohl der Kanal als Schifffahrtsweg die höchste Verkehrsdichte weltweit aufweist, begegnen uns nur wenige Schiffe. Das belgische Nieuwpoort kommt in Sicht. Wir fahren in der sogenannten Küstenverkehrszone, die nur von Segelschiffen und Schiffen mit einer Länge von weniger als 20 Metern genutzt werden darf, in Richtung Oostende. Die Sicht ist wieder nur mäßig, die Küste daher nur schemenhaft erkennbar. Weiterhin unter Motor erreichen wir gegen 21:30 Uhr Oostende. Die Hafeneinfahrt wird über Lichtsignale geregelt – wir müssen warten. Über Funk erfahren wir, dass zunächst noch eine Fähre auslaufen muss. Nach einer halben Stunde dürfen wir schließlich einlaufen und finden im kleinen Yachthafen gleich hinter der Hafeneinfahrt einen Liegeplatz. Mit uns laufen noch eine Handvoll weiterer Segelschiffe ein, es wird richtig eng. Nun noch das Deck klarieren, kochen und endlich etwas essen.
Trotz aller Müdigkeit beschließen wir, auf der Promenade noch einen „Absacker“ zu nehmen. Wir genießen die flämisch-französische Sprachenvielfalt Belgiens – wenn die Politik nicht dazwischen kommt, können die Belgier offensichtlich problemlos damit umgehen. Da wir besser Französisch als Flämisch können, bestellen wir auf Französisch. Englisch oder Deutsch wären vermutlich auch gegangen. Als wir zum Hafen zurückkehren – es ist schon stockdunkel – wird der weltweit größte Schwimmkran von Schleppern in den Hafen gezogen und macht in Sichtweite fest. Wir sind beeindruckt.

Oostende – Middelburg

Samstag, 31. Mai, 10:10 Uhr: Wir legen ab und setzen gleich hinter der Hafenausfahrt die Segel. Der Wind weht aus Nord bis Nordost mit 3 Bft, er soll jedoch auf Nordwest drehen. Das klingt vielversprechend. Geplant ist, entlang der belgischen und niederländischen Küste bis Hook von Holland zu gehen. Aber der Wind lässt uns wieder im Stich. Gegen 13:45 Uhr geben wir das Segeln auf und starten den Motor.
Der aktuelle Wetterbericht klingt nun auch nicht mehr so gut – gestern Abend sah das noch besser aus. Aufgrund der Wetteraussichten ist es besser, bei Vlissingen in die Scheldemündung zu gehen. Darüber freue ich mich. Erstens, weil ich immer noch unter Symptomen der Seekrankheit leide. Und zweitens, weil ich die niederländische Halbinsel Walcheren durch viele Urlaube gut kenne. Schon als Kind habe ich oft an der Schleuse in Vlissingen gestanden und die ein- und auslaufenden Schiffe bestaunt.
Daran erinnere ich mich, als wir in die Scheldemündung ein- und am mir vertrauten Panorama von Vlissingen vorbeilaufen. Um 15:45 Uhr erreichen wir die Sluise Vlissingen und werden gleich geschleust. Danach geht es durch den Kanaal door Walcheren. Dieser 1873 erbaute Kanal verläuft durch die Halbinsel Walcheren und verbindet Vlissingen an der Westerschelde als seinem südlichen Ende mit Veere am Veersemeer an seinem nördlichen Ende. Wir müssen mehrere Klapp- und Drehbrücken passieren. Die werden zentral gesteuert; wir müssen aber jedes Mal ca. 30 Minuten warten. So erreichen wir gegen 17:00 Uhr endlich Middelburg. Gleich in der Hafeneinfahrt liegt die Bootstankstelle. Hier tanken wir Diesel, danach suchen wir einen schönen Anlegeplatz. Der Hafen in Middelburg zieht sich mit seinen Anlegestellen entlang der Grachten hin. So liegen die Schiffe mitten in der Stadt. Noch ist Zeit zum Einkaufen. Der Supermarkt mit einem gigantischen Angebot hat auch samstags bis 20:00 Uhr auf und öffnet sogar sonntags. Die Servicewüste Deutschland lässt grüßen. Mit dem frisch Eingekauften bereiten wir uns noch ein leckeres Abendmenü.

Middelburg – de Put

Es ist Sonntag, der 1. Juni, 06:40 Uhr: Ein wunderschöner Sonntagmorgen. Die Stadt liegt noch ganz ruhig, nur die Vögel zwitschern. Das Wasser ist glatt; Häuser, Bäume und Schiffe spiegeln sich darin. Wir bemühen uns, möglichst leise unser Boot klar zu machen und abzulegen. Unter Motor fahren wir weiter über den Walcherenkanal auf Veere zu. Jetzt erst einmal eine schöne Tasse heißen Kaffee, die wir an Deck genießen und dabei die Landschaft an uns vorüberziehen lassen.
Das malerische Städtchen Veere war um 1500 ein bedeutender Handelsplatz und weist aus dieser Zeit eine mächtige, alles überragende und daher auch für uns schon von weit her sichtbare Kirche auf (Liebfrauenkirche, erbaut im 15. und 16. Jahrhundert). Trotz der frühen Stunde werden wir geschleust. Die Schleusentore öffnen sich und wir fahren in das Veersemeer ein. Bei schwachem Windes setzen wir die Segel. Die Orion gleitet leise durchs Wasser. Als wir uns langsam von Veere entfernen, ist vom Turm der Liebfrauenkirche das Glockenspiel zu hören.
Das Segelvergnügen ist erneut nur von kurzer Dauer. Nach zwei Stunden schläft der Wind ein. Wir bergen die Segel und fahren unter Motor weiter. Die nächste Schleuse (Spuisluis Katse Veer) bringt uns in die Osterschelde. Die Sicht ist mittlerweile schlecht, an Segeln nicht zu denken. Wir laufen weiter durch die Wasserarme der Scheldemündung über den Roompot sowie Grevelingen Meer Richtung Haringvliet und müssen dabei zwei weitere Schleusen durchfahren. Als zwischendurch der Wind erneut auf 3 bis 4 Bft auffrischt, setzen wir wieder die Segel. Aber auch diesmal lässt er uns nach etwa 2 Stunden im Stich. Gegen 18:30 Uhr erreichen wir die Haringvlietbrug. Der Mast der Orion ist mit über 21 Metern zu hoch, um einfach unter der Brücke durchfahren zu können. Für solche Fälle ist ein am Rand gelegenes Brückenelement klappbar. Wir müssen warten (über die Brücke verläuft schließlich eine viel befahrene Schnellstraße) und bringen daher den Anker aus. Die Wartezeit nutzen wir für das Abendessen auf Deck.
Nach der Durchfahrt können wir erneut die Segel setzen. Mit vielen Kreuzschlägen durchfahren wir das Fahrwasser auf dem Haringvliet in der Abendsonne. Kein anderes Schiff ist zu sehen, ein paar Schafe weiden auf den umliegenden Wiesen der friedlich daliegenden Landschaft. Trotz des engen Fahrwassers ist das Manövrieren bei dem leichten Wind geradezu spielerisch einfach. Für mich sind dies mit die schönsten Momente auf dieser Reise.
Mit schwindendem Tageslicht erreichen wir den kleinen Yachthafen De Put. An der Einfahrt steht auf einer Tafel „Gäste willkommen“. Da suchen wir uns gern einen freien Liegeplatz.
Das Büro des Hafenmeisters ist um diese Uhrzeit nicht mehr besetzt. Auch sonst ist kein Mensch zu sehen. Mit Ausnahme des geschlossenen Vereinslokals sind alle Einrichtungen (Duschen, WC, Müllcontainer etc.) nutzbar. Da wir am nächsten Morgen wieder sehr früh starten, bedanken wir uns beim Hafenmeister für die Nutzung des Hafens mit seinen Einrichtungen mit einem Brief, in den wir einen Geldbetrag stecken.

De Put – Ijmuiden

Montag, 2. Juni, 7:40 Uhr: Wieder so ein wunderschöner Morgen. Wir laufen aus De Put aus und unter Motor durch den Haringvliet Richtung Nordsee. Um 9:25 Uhr erreichen wir die Schleuse Georeese Sluis. Dahinter liegt die Nordsee. Wir werden sofort geschleust. Dann kommt die Überraschung: als sich die Schleusentore öffnen, sehen wir außer Nebel nichts. Mit jedem Meter, den wir zurücklegen, wird es schlimmer. Dank unseres Radars navigieren wir uns durch die beiden schwierigen Fahrwasser Pampus und Stijkgat. Die Tonnen erkennen wir erst, wenn sie nur noch wenige Meter entfernt sind.
Nach etwa einer Stunde sind die Fahrwasser und das Nebelfeld hinter uns, wir können bei nordöstlichem Wind mit einer Stärke von 3 Bft die Segel setzen. Nach der Hafeneinfahrt von Rotterdam müssen wir kreuzen, wenn wir Ijmuiden erreicchen wollen. Der Wind frischt immer weiter auf, so dass gerefft werden muss. Hinter der Hafenmole von Ijmuiden bergen wir die Segel. Es ist 20 Uhr, als wir festmachen.
Der Yachthafen, Mitte der 90er Jahre künstlich angelegt, ist von enormer Größe, bietet alles (sanitäre Einrichtungen, Waschsalon, Supermarkt, mehrer Kneipen und Restaurants) und ist perfekt organisiert.
Abends besuchen uns noch Elke und Mathieu. Elke stammt aus Dresden und lebt seit vielen Jahren in Amsterdam mit ihrem Mann Mathieu. Beide sind mit Andreas und Angelika befreundet und spontan aus Amsterdam gekommen, als sie erfuhren, dass wir in Ijmuiden liegen. Es wird ein schöner Abend.

Ijmuiden – Den Helder

Dienstag, 3. Juni, 10 Uhr: Uwe Richter, mit Andreas befreundet, kommt mit seiner zweiköpfigen Crew zu uns an Bord. Die drei haben am Vortag um 15:00 Uhr ein Charterschiff in Lemmer am Ijsselmeer übernommen und sind fast die ganze Nacht nach Ijmuiden gefahren, um mit uns heute zusammen nach Den Helder zu segeln. Segler sind schon eine besondere Spezies!
Wir starten mit unseren beiden Booten mittags und setzen im Vorhafen die Segel. Der Wind kommt mit 3 Bft aus West. Später dreht der Wind und kommt achterlich, schwächt aber immer mehr ab. Zunächst baumen wir die Fock aus und segeln „im Schmetterling“. Als der Wind noch schwächer wird entschließen wir uns, den Spinnaker zu setzen. Das geht zunächst auch gut. Aber der Wind nimmt weiter ab und fällt dann immer wieder in Böen in den Spinnaker ein. Das reißt natürlich am Tuch. Der Spinnaker zeigt schließlich auch einen Riss. Wir holen ihn ein, segeln in den Vorhafen von Den Helder und holen dort am späten Nachmittag die Segel ein und legen an.
Wir liegen im Koninklijke Marine Yacht Club. Uns gegenüber liegt ein Ketsch-getakeltes Holzschiff von sicherlich 25 Metern Länge, das den Union Jack als Nationalflagge führt. Das dürften, laut Andreas, nur die Marine und die Mitglieder der königlichen Familie. Die Marine ist es nicht – die Kleiderordnung an Bord ist eher smart casual. Wer von den Royals wird es wohl gewesen sein?
Und dann liegt da noch ein dänisches Holzboot, eine Slup, etwa 11 Meter lang mit deutscher Segelnummer – ein echter Hingucker.

Den Helder – Lauwersoog

Mittwoch, 4. Juni, 12:45 Uhr: Auf dem Weg nach Osten nähert sich in schneller Fahrt von achtern ein Schlauchboot, besetzt mit fünf militärisch aussehenden Männern. Wir passieren gerade die westfriesische Insel Texel. Es ist zwar sonnig, aber bei nur schwachem Wind müssen wir motoren. Ich stehe am Steuer, das Schlauchboot hat uns erreicht und die Besetzung fragt, ob sie an Bord dürfe. Ich bejahe, was auch sonst.
Drei der fünf Insassen kommen an Bord, stellen sich höflich vor und nehmen im Cockpit Platz. Offensichtlich sind sie bemüht, jede Eskalation der Situation zu vermeiden. Und dann werden wir sehr ausführlich kontrolliert: Papiere des Bootes und der Besatzung, Fragen zum Ziel und Zweck unserer Reise, die bisherigen Stationen, Alkohol, Zigaretten etc. etc. Einer von denen ist wohl Zöllner – das berufsmäßige Misstrauen steht ihm „im Gesicht geschrieben“. Außerdem fallen ihm immer neue Fragen ein. Schließlich sind sie von unserer Harmlosigkeit überzeugt, wünschen uns eine gute Reise und machen sich mit ihrem Schlauchboot auf zum nächsten Segelschiff, das wir in einiger Entfernung sehen.
Wir setzen unsere Fahrt fort. Erst später, als der Wind zunimmt, setzen wir die Segel. Gegen 20 Uhr erreichen wir das Fahrwasser Richtung Lauwersoog. Es ist wieder neblig, die Sicht dementsprechend schlecht. Endlich, kurz vor 22 Uhr kommt die Hafeneinfahrt von Lauwersoog in Sicht. Schnell werden die Segel eingeholt. Über Funk werden wir aufgefordert, im Fischereihafen festzumachen.
Der Fischereihafen – so erfahre ich am nächsten Morgen – soll bis 2009 in einen Yachthafen umgebaut werden. Der Bestand an Yachten nimmt zu; mit Fischen lässt sich leider immer weniger Geld verdienen.

Lauwersoog – Borkum

Donnerstag, 5. Juni, kurz nach dem Frühstück: Ein alter Lastensegler, heutzutage als Charterboot zu mieten, hat die Nacht am Nachbarkai verbracht und übersieht die Orion beim Ablegen und Manövrieren in Rückwärtsfahrt. Erst durch unsere lautes Gebrüll wird der Skipper auf uns aufmerksam. Das Schraubenwasser, aufgewirbelt vom Aufstoppen in letzter Sekunde, schwappt über die Orion hinweg.
Heute laufen wir unter Segel bei Sonnenschein und nordwestlichem Wind mit zunächst 2 Bft durch das Watt nach Borkum. Dabei gilt es, Untiefen und Fischerboote gleichermaßen zu berücksichtigen. Zu allem dreht der Wind im Laufe des Tages nach Ost und nimmt immer mehr zu. Nachmittags müssen wir bei inzwischen Windstärke 6, in Böen 7, sogar reffen. Die Strömung ist inzwischen gekippt. Viele Schlägen müssen wir kreuzen und gewinnen dabei kaum noch Höhe – was für eine „Bolzerei“. Gegen 20 Uhr erreichen wir dann endlich die Hafeneinfahrt von Borkum.
Die Nacht verbringen wir „im Päckchen“ neben einer sehr neu aussehenden, 44-Fuß-Dehler als Decksalonyacht. „Schönes Schiff”, bemerke ich. Damit habe ich wieder mal für reichlich Gesprächsstoff zwischen Andreas, dem Puristen, und mir gesorgt.

Borkum – Emden

Freitag, 6. Juni 2008: Gegen 9:45 Uhr legen wir im Hafen Borkum ab. Wir sind spät dran, wissen wir doch, dass die Flut in Emden gegen 15 Uhr ihren Höchststand erreichen wird. Bei unserem letzten Auslaufen will ich noch einmal alles geben und das Großsegel so schnell wie noch nie heißen. Angelika steht am Steuer und dreht in den Wind. Als das Kommando zum Segelsetzen kommt, hole ich mit aller Kraft das Großfall … und… fasse ins Leere. Das Fall ist nicht richtig am Segelkopf angeschlagen und rauscht aus, bevor ich in meinen Bewegungen inne halten kann. Nun baumelt es kurz unterhalb der zweiten Saling. Wir machen noch einmal fest. Dabei werden wir von unserem Bootsnachbarn der vergangenen Nacht schelmisch mit „Na, noch ‘ne Tüte Milch kaufen?“ begrüßt. Angelika lässt sich im Bootsmannstuhl hochziehen, um das Fall zu klarieren.
Der zweite Versuch klappt dann – wir setzen im Hafen das Großsegel und die Fock. Der Wind steht mal wieder gegen an und für den Rest des Tages gilt es, uns kreuzend Emden zu nähern; reichlich Gelegenheit, die Manöver zu perfektionieren. Gegen 15 Uhr – Emden bereits in Sichtweite – rächt sich unser spätes Auslaufen in Borkum, der Strom kippt. Uns kommen bereits zahlreiche Segelschiffe entgegen. Wir merken: wenn in einem Tidengebiet alle Schiffe entgegen kommen, hat man etwas falsch gemacht.
Die nächste Stunde wird mühsam: in dem engen Fahrwasser, umgeben von zahlreichen flachen Stellen und mit reichlich Berufsschifffahrt, müssen wir bei 5 bis 6 Bft kreuzen. Die Besatzung eines norwegischen Frachters ist schließlich nett und fährt sehr eng an die äußere Fahrwassergrenze heran. Das gibt uns genügend Raum für einen letzten Schlag und wir schaffen es, kurz hinter dem Frachter in die Hafeneinfahrt einzulaufen. Wir können sogar gleich nach dem Frachter in die Schleuse einfahren, die uns noch vom Binnenhafen trennt. Man muss ja auch mal Glück haben.

Rückfahrt

Samstag, 7. Juni: Es ist ein sonniger Samstagmorgen mit schwachem Wind – ideale Segelbedingungen. Aber unser zweiwöchiger Törn endet hier. Die Orion liegt gut vertäut am Steg des Vereins „Segelnde Friesen Emden“. Ein Vorstandsmitglied des Vereins, das uns gestern zufällig bemerkt hatte, als wir nach einer Liegemöglichkeit suchten, hat ermöglicht, dass die Orion hier in der kommenden Woche liegen kann. Wir bereiten das Schiff auf diese Pause und für die nächste Crew vor. Das heißt, Vorsegel abschlagen und verstauen, dem Großsegel das Segelkleid anziehen, Schiff innen und außen säubern, die Kojen neu beziehen und Motorwartung. Unser zahlreiches Gepäck wird in dem viel zu kleinen Mietwagen verstaut, in dem wir die Heimfahrt antreten wollen. Ein bisschen Wehmut liegt in dem letzten Blick auf die Orion.
Kapitän Andreas Wolke, in den vergangene zwei Wochen unser Skipper, nimmt im Cockpit Platz, begrüßt die Passagiere und erhält Startgenehmigung. Und schon geht es ab über die A31 und A3 via Südhessen in niedriger Flughöhe über Deutschland. Gegen 15 Uhr landen wir wohlbehalten im heimatlichen Südhessen. Berücksichtigt man die eine Stunde, die wir in einem Stau bei Leverkusen stehen, entspricht das einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 140 Kilometern pro Stunde. Nicht schlecht, Herr Specht.

Fazit

Die letzten beiden Wochen waren ein unvergessliches Erlebnis und gleichzeitig eine Herausforderung, die uns als Landratten vor allem vor Augen geführt hat, welche Anforderungen an ein Schiff, seine Ausrüstung und letztlich auch seine Besatzung bei einem solchen Törn gestellt werden. Die Ausbildung und der Erwerb von Sportbootführerscheinen – so notwendig und hoffentlich solide sie auch sein mögen – kann die Erfahrung nicht ersetzen, die ein anspruchsvolles Revier wie die Nordsee mit den schnell wechselnden Wetterbedingungen, Tide und Strömungen, Berufsschifffahrt und stark frequentierten Schifffahrtswegen, Wattgebieten mit Flachs und Gatten sowie zahlreichen Fischern erfordert, wenn man einen solchen Törn in der geplanten Zeit und ohne böse Überraschungen bewältigen will. Und diese Erfahrung will erst einmal erworben sein. Wie hieß es doch gleich in dem Buch eines Berufsseglers, dass ich vor einigen Monaten las: geprüft wird zweimal – einmal in der Prüfung für den Führerschein und einmal auf dem Meer. Auf der Nordsee wird täglich geprüft, manchmal auch mehrmals. Den nächsten Törn in der Nordsee mit der Orion sowie Angelika und Andreas als Skipperpaar haben wir übrigens bereits verabredet.

Eine Antwort zu “Von London bis Emden”
  1. Hallo, schöner Artikel. Wir waren schon 3 x in St. Katherins dock, von Oostende aus, hin über Ramsgate.
    Frage: welche Karten haben Sie benutzt ??

    Viele Grüße

    A. Bauer

  2.  
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