vom 9. bis 14. Mai 2008

Die Überschrift macht’s deutlich: wir werden in diesem Jahr nicht wie gewohnt unser Schiff nach Travemünde überführen, sondern in die Nordsee. Am Freitag, dem 9. Mai 2008, gehen dafür Brigitte aus Dresden, Andreas und ich an Bord. Zuvor hatten wir wie jedes Jahr noch unendlichen Stress mit den Vorbereitungen. Unser Start verzögert sich deshalb um zweieinhalb Stunden und wir legen 17 Uhr 30 in Gernsheim ab. Wie in jedem Jahr sind ein paar Freunde am Steg und verabschieden uns, schließlich wird unsere „Orion“ bis Anfang Oktober ihren Heimatliegeplatz nicht mehr sehen.
Die erste Station Rüdesheim erreichen wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Der Landgang führt zur Drosselgasse. Doch Brigitte hat ihre Brille vergessen, so verzichtet sie darauf, das Tanzbein zu schwingen. Sie möchte wenigstens sehen, mit wem sie tanzt wenn sie tanzt. Und das geht heute leider nicht, schade.

Der nächste Tag verläuft recht unspektakulär. Wir genießen die Landschaft, zuerst das Binger Loch, die Loreley, die Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub und haben gegen 11 Uhr schon das Deutsche Eck in Koblenz querab. Um 18 Uhr legen wir im Medienhafen in Düsseldorf an. Matthias ist uns aus Hessen nachgereist und bringt zum Glück Brigittes Brille mit. Den Abend verbringen wir dann noch gemeinsam in der Altstadt.

Sonntag: Ablegen um 7 Uhr 30. Unser heutiges Ziel ist Willemstad in Holland. Matthias fährt wieder nach Hessen, zurück bleiben Brigitte, Andreas und ich. Das Wetter ist genial, Sonne, Sonne, wenig Wind. Wir beobachten die Landschaft, an der wir jetzt vorbeikommen, wechseln uns am Steuer ab und lauschen nebenbei Brigitte, die uns aus „Der Papalagi“ vorliest. Das Buch haben wir vor unserer Reise von Freunden mit auf den Weg bekommen. Es wird uns bis zum Ende unseres Törns begleiten. Es sind die fiktiven Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea, der mit einfachen Worten die europäische Zivilisation kritisiert. Wir hören vom „runden Metall und schweren Papier“, „der schweren Krankheit des Denkens“, von „Steintruhen und Steinschluchten“ oder vom „Fleischbedecken der Europäer“…und müssen immer wieder schmunzeln.

Bis Duisburg ist alles noch wie in jedem Jahr. Aber dieses Mal biegen wir nicht in den Hafenkanal ab sondern bleiben auf dem Rhein. Jetzt kommen noch Wesel, Rees und Emmerich, bevor wir die holländische Grenze überfahren und bei Millingen in die Waal abbiegen. Die nächste größere Stadt ist Nijmegen. Die Universitätsstadt ist die ältestes holländische Stadt mit römischen Wurzeln. Wir sehen von hier aus auch die für Holland typischen Glockengiebel. Die Strecke zieht sich. Nach unserer Schätzung werden wir wohl Willemstad nicht mehr im Hellen erreichen, obwohl es hier weit später dunkel wird, als bei uns zu Hause. Gegen 21 Uhr befinden wir uns auf der Oberen Merwede, einem Unterlauf der Waal. Hier entschließen wir uns, doch schon vorher anzulegen und entdecken einen idyllischen Hafen in Woudrichem. Wir legen in einem Museumshafen an, in dem alte, liebevoll restaurierte Segelschiffe und Fischerboote liegen. Der historische Hafen, so erfahren wir, wurde 1998 im Originalzustand so wie er 1650 war, aufgebaut.
Wir sind begeistert, vor allem beim Landgang. Brigitte ist so entzückt, dass sie unentwegt fotografiert, auch den Sonnenuntergang.

Nach Willemstad ist es nun nicht mehr weit, als wir am nächsten Morgen ablegen. Zuerst teilt sich der Fluss in Untere Merwede und Neue Merwede. Wir biegen in die Neue Merwede ein. Die Autobahnbrücke bei Moerdijk müssen wir mit unserem gelegten Mast noch passieren. Dann befinden wir uns schon in der Hollands Diep. Ab jetzt könnten wir mit gestelltem Mast bis zur Nordsee fahren, denn die noch kommenden Brücken sind Klapp- oder Drehbrücken.
Nach wenigen Kilometer sind wir in Willemstad. Dort liegen wir an der Pier mitten in der Stadt. Es ist Pfingstmontag und eine Menge Leute sind unterwegs. In einer kleinen Kneipe spielt eine Dixi-Band zum Frühschoppen und ein Harley-Treffen findet statt. Der richtige Platz zum Maststellen, findet Andreas. Das ist typisch für ihn, er braucht das Publikum. Mich stören die Leute nicht, ich muss mich darauf konzentrieren, alles richtig zu machen. Und Brigitte freut es, dass es hier nur so von Menschen wimmelt.
Am späten Nachmittag ist dann das Werk vollbracht. Wir haben gar nicht gemerkt, wie die Sonne Gesicht und Arme verbrannt hat.
Wir belohnen uns erst am kommenden Morgen. Willemstad hat einen kleinen Stadtkern mit vielen schön restaurierten Häusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Es ist eine typisch holländische kleine Festungstadt. Die Stadtbefestigung von 1602 hat sieben Bastionen, für jede Provinz der damaligen Republik der Niederlande eine. Joggend besichtigen wir den Ort, bunkern Wasser und legen ab.

Wir fahren ein paar Kilometer unter Motor und gelangen an die erste Schleuse. Es ist die Volkerakschleuse. Nach kurzer Wartezeit werden wir mit einigen Berufsschiffern geschleust. Danach werden zum ersten Mal in diesem Jahr die Segel gesetzt. Mit Nordostwind und 3 bis 4 Beaufort erreichen wir gegen 17 Uhr die Krammerschleuse. Die Segel sind schnell eingeholt aber geschleust werden wir erst eine Stunde später.
Danach setzen wir gleich wieder die Segel und es geht weiter mit achterlichem Wind, bis wir am Abend das Südfahrwasser zur Osterschelde erreichen. Um 21 Uhr machen wir in Wemeldinge fest. 35 Seemeilen sind wir heute gesegelt, nicht schlecht für den ersten Tag.

Es ist Mittwoch. Früh ist Joggen und Einkaufen angesagt. Erst mittags legen wir ab. Es ist Nordost, unser Kurs Nordwest, Richtung Verse Meer. Nachmittags passieren wir die nächste Schleuse mit Klappbrücke, da ist schon das Verse Meer. Als wir Wolphartsdijk passieren, überlegen wir, ob wir Franz Karl besuchen, der mit seiner Outborn hier im Hafen liegt. Der Blick durchs Fernglas deutet darauf, dass er scheinbar nicht an Bord ist. Also lassen wir es. Als wir eindrehen, sehen wir schon von weitem die gewaltige Basilika von Veere. Noch 12 Kreuzschläge bis zur Hafeneinfahrt. Wir sind 16 Seemeilen gesegelt, als wir in Veere festmachen.
Auch diese Kleinstadt ist wieder malerisch, am schönsten ist für mich der Hafen. Ein wenig erdrückend ist die riesengroße Kirche, aber das sehe vielleicht nur ich so.

Am Donnerstag joggen wir am Morgen und legen mittags ab. Gleich nach der Ausfahrt biegen wir in den Kanaal door Walcheren ab, werden geschleust und fahren unter Motor bis Middelburg. Es ist nicht weit bis dahin und Brigitte und ich freuen sich auf einen ausgiebigen Landgang und vielleicht ein bisschen Shopping.

Von Middelburg bis Vlissingen müssen vier Klapp- und zwei Drehbrücken passiert werden. Das dauert so seine Zeit. Eilig darf man es nicht haben. Mittags erreichen wir am Freitag die Schleuse in Vlissingen, durch die wir in die Westerschelde gelangen. Bis Breskens, unserem Ziel in dieser ersten Woche, ist es nun nur noch ein Katzensprung.
Von hier aus wollen wir nach London starten.
Für Brigitte ist hier die Zeit um, sie verlässt heute unser Schiff.
Wir hoffen, sie ist um ein paar Erfahrungen reicher geworden und freut sich schon aufs nächste Mal.

Angelika

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